DA GOOD LIFE

Das ist George.

Am Mariannenplatz in Kreuzberg zerrt ein Mann laut brüllend seine behäbige Bulldogge an einer Leine aus einem abgesteckten Stück Grünfläche. Zumindest versucht er es, das beeindruckende Tier bewegt sich keinen Zentimeter. Schwer hechelnd schaut der Hund in die andere Richtung, sein Herrchen bellt die üblichen Kommandos: „Los, na komm schon, Junge! Jetz beweg‘ Dich domma! Hiiiierrrherrrr! Mannnnnn! Ich hab gesacht, Du sollst heeeerrrkommn‘!“

Die befellte Riesenwurst wankt kurz, dann wuchtet sie schwerfällig ein Bein hoch, zwei Schritte folgen, dann bleibt sie wieder stehen. Obwohl „Stehen“ nicht der richtige Begriff für ein sich mühsam gegen die Schwerkraft stemmendes Aufbegehren ist. Eher scheint sich der kompakte Tierkörper in einem permanenten Zustand des Kampfes gegen das Hinplatschen zu befinden – alle Viere etwas weiter auseinander als gewöhnlich, wirken seine stämmigen kurzen Beinchen wie Notpfeiler gegen den nicht aufzuhaltenden (Ver-) Fall.

Ich bleibe amüsiert stehen. „Wow, der hat ja eine Kraft!“
Sein Herrchen sieht mich misstrauisch an. Er erkennt meine vorgebrachte Beschönigung einer nicht zu verhehlender Wirklichkeit.
„Von was für ’na Kraft quatscht’n Du da?“ Lallt er mich an. Seine hellblauen und erstaunlich klaren Augen fixieren mich von oben herab.
„Äh… das sah schon recht beeindruckend aus… also wie der so anläuft…“ stottere ich. Tatsächlich ist nichts Dynamisches an dem Fleischklops zu befinden.
„Ey, das Vieh bewegt sich langsamer als ne‘ verdammte tektonische Kontinentalplatte! Ich verwette mein Hartz IV, dass Du den nicht da über die Straße kriegst!“ Seine Stimme erinnert ein bisschen an Joe Cocker mit Hot Summer – vielleicht ein Joe, der zwei Packungen Zigaretten am Tag mit ner Menge Alk runter spült. Er zeigt mit seiner Bierflasche auf die andere Seite einer zweispurigen Fahrbahn.

„Naja, wie alt ist er denn…“ frage ich vorsichtig. „Er oder sie?“ Werfe ich hinterher.
„Issn‘ er! 13 Jahre. Schon viel älter jeworden, als so ne Rasse eigentlich wird.“ Er hat die Augen kurz geschlossen und wankt bedrohlich hin und her.
„Und wie heißt er?“
Seine Augen öffnen sich wieder. Von ganz weit weg schaut er durch mich hindurch.
„Das ist George. Issn‘ Brite.“ Nuschelt er.
„Wie, ’nen Brite?“ Frage ich verwirrt.
„Na, nen Eeeeng-läääänd-eeeerrrr!“ Ranzt er mich an. „Aber dit Wort is mir zu lang, daher sach ick ‚Briete‘!“
Ich muss ihn wohl immer noch verwirrt anschauen, denn er schimpft hinterher: “ ‚Ne englische Bulldogge – verstehste nich‘? Deswechen!“
„Ach so, na klar.“ Ich nicke schnell.
„Deswechen: Das ist George.“ Er schließt erneut kurz die Augen und hebt sein Kinn. Stolz.

Wir betrachten zusammen den im Gras wankenden George.
„Der kann halt nich‘ mehr so, hat Arthrose, wiecht 33 Kilo und iss blind uff beeden Oogen. Abba wir gehen noch jeden Tag. Aus nem Weg, für den Du vielleicht zwee Minuten brauchst, da machen wir 25′ draus. Aber iss schon jut. Ick bin jetzt für ihn da. Als ick krank war, da hat er auf mich aufgepasst. Jetzt pass ick uff ihn auf.“
Er zieht das Tier behutsam auf den Gehweg. George knallt leicht an die Glasscheibe einer Bushaltestelle, erschrocken und verwirrt weicht er zurück. Er scheint wirklich nichts zu sehen. Sein rechtes Auge wölbt sich vor wie eine schwarze Gallertkugel, die bei jeder Bewegung aus dem massigen Kopf heraus zu plumpsen droht.

„Er hat auf dich aufgepasst, wie denn?“ Frage ich.
„Na, auf der Straße! Wir sind hier in Kreuzberg, Mädchen! Bist nich von hier, oda?“ Blafft er mich an.
„Doch, aber ist doch alles durch-gentrifiziert hier…“ Ich drehe mich um. Der friedliche Mariannenplatz mit auf seinen Wiesen abhängenden Erasmus-Hipstern schlummert gelangweilt in der Abendsonne.
„Dit iss hier leider jar nich durch-jentrifizeriert, my Lady!“ Brüllt er los. „Jut, et jibt hier den einen oder anderen Fatzke, wo der Papa aus Bbbayern ne Wohnung jekooft hat, ja möglich. Abba jeh mal da vorne zum Kottbusser Tor da, da kriegst janz schnell eins auf’s Maul!“
Ich sage ihm nicht, dass ich da noch nie eine auf’s Maul gekriegt habe, aber mein un-spannender Lebensalltag ist da vielleicht auch nicht repräsentativ.
„Und da hat er mir schon so manch bösen Buben von der Backe jehalten! Der kann echt Godzilla, die Arschgeige! Musste echt uffpassen, der frisst alles, was nicht Mensch oder Hund iss. Tauben, Hühner, allet, da kannste jar nich schnell jenuch gucken!“
Ich schaue auf den schnaufenden Fleischbrocken und kann es mir wirklich nicht recht vorstellen, aber ich frage: „Tauben? Lebendige Tauben?“
„Naja, zwee Flügel konnte ich ihm noch aus dem Maul ziehen. Ja, also dann war sie nicht mehr lebendig.“ Er wischt sich den Schweiß von der Stirn.
„Er hat auch mal een Nashorn gebissen.“ Seine Stimme wirkt jetzt leiser, fast noch ein bisschen betroffen. Mir geht der Mund nicht mehr zu.
„Ein Nashorn…?“ Ich stehe auf dem Schlauch. Kurz rattert es in mir durch, dass George und Joe wohl eher nicht auf Weltreise in Tansania Halt für ’ne Safari gemacht haben werden.
„Im Zoo, oder was?“ Frage ich nach.
„Na klar im Zoo! Wo denn sonst?!!“ Er spukt zur Seite aus.
„Wie um alles in der Welt ist das denn passiert? Dürfen Hunde überhaupt mit in den Zoo?“ Ich kann es immer noch nicht glauben.
„Ja, Hunde dürfen mit. Na, dit Nashorn hat ihn jesehen und iss so janz nah an uns ran, schiebt sich so vor und über das Gatter und da iss er hier auf die Barrikaden und hoch und ihm voll vor die Nuss gesprungen. Jott sei Dank hat er nich‘ die Lefzen erwischt, sondern muss an dem Horn abgeprallt sein. Jing noch mal jut.“ Er reibt sich das stopplige Kinn.

„Komm‘ Dicka, rüber auf die andere Seite.“ Er schaut auf den Platz auf der anderen Straßenseite, welcher mir gerade so unerreichbar weit weg vorkommt. „Nimm Du ihn ma‘,“ sagt er zu mir und hält mir die Leine hin. Ich liebe so was und rufe mit leicht aufgeregter Kleinmädchen-Stimme: „Na komm George, auf geht’s!“
Nichts passiert. Gar nichts. Er ist wohl nicht nur blind, sondern auch taub.

„Los Dicka, geh mit der Lady!“ Ruft olle Joe George zu.
„Du musst ziehen!“ Bellt er mich an.
Ich ziehe, aber er will nicht. „Fester!“ Brüllt Joe. Ich ziehe, aber doller traue ich mich nicht. Joe kommt und ruppt mit an der Leine. George richtet sich auf und wankt auf die Straße, während Joe vorläuft und ihn weiter anfeuert. Ich ziehe George hinter mir über den Mittelstreifen. Aus den Augenwinkeln sehe ich ein Auto auf uns zurollen, George schlurft weiter elend langsam hinter mir her und lässt sich natürlich mitten auf der Fahrbahn fallen. Bäuchlings liegt er da, alle Viere in alle vier Richtungen ausgestreckt. Joe muss wieder lauthals schimpfend einschreiten, nach einer geraumen Zeit kratzen wir das Hundevieh vom Asphalt und er trottet ein Stück weiter hinter mir her auf den mich rettenden Bürgersteig.

„Mannmannmann, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass der mal so agil gewesen sein und Wildtiere im Zoo belästigt haben soll…“ sage ich.
„Neenee, dit iss ne Bestie, Du das sach‘ ich Dir! Ein ander mal steh ick da so im Tierpark, will mir eine drehen und ick hatt meenen Lütten dabei, 12 war der da, der von meiner Ex, und ick stand da so wie jetzt, Leine am Boden und hatt abba meen Fuß nich druff, weeßte, sondern stand so daneben und plötzlich so hinta mir irgend so ’nen Eseltier macht so’n Jeschrei und er hier unter den Latten durch und rinn in das Geheje! Ach Du Scheiße, das war so een Vieh von 300 Kilo! Ick dann über den Zaun, dreie Meter hoch das Ding und hinterher. Musste ihn retten. Da machste was mit…“

Wir beiden blicken auf George. Ruhig liegt er vor uns auf den Steinen. Es scheint alles schon sehr lang her zu sein. Und vielleicht auch alles ein ganz klein bisschen von sehr weit weg hergeholt…

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