Heute hat mich die Verkäuferin in einem Buchladen so dermaßen vollgetextet, dass ich hinterher meine Empörung darüber in Worte fassen musste:

Ich war noch recht munter in den Laden hinein marschiert, hatte ich doch eine amüsante Unterhaltung zwischen einer zweifachen Hundehalterin und einem Passanten mitbekommen, die sich über Tipps rund um die Pflege ihrer Lieblinge in jenen Hundstagen austauschten (u.a. kalte Wickel, Duschen und Eiswürfel unters Futter mischen). Ich schüttelte den Kopf und sagte zu ihr, dass es doch immer wieder sehr lustige Gespräche aufzuschnappen gäbe.

Was sie irgendwie falsch zu verstehen schien, denn sie nickte eifrig und sagte: „Ganz genau, es ist unglaublich, was die Leute so alles von sich geben! Ich musste mir mit meiner Familie am Wochenende in der Bahn über drei Stunden lang das Gequatsche einer Dame im Wagon anhören – auf’s Ohren betäubendste wurden wir mit ihrem Privatleben behelligt. Sie können sich nicht vorstellen, wie anstrengend das ist, wenn wildfremde Leute im Zug ihr gesamtes Leben erzählen müssen! Haben die denn kein Zuhause? Es ist doch nicht zu fassen, die hat nicht ein Mal Luft geholt. Und die hat überhaupt nicht mitbekommen, dass es uns Mitreisende nicht im Mindesten interessiert, wie viele Klöße sie zu was für einem Fleischgericht verputzt. Und die war dazu noch so fett, ich hätte am liebsten gesagt, ‚drei Klöße weniger würden es auch tun!‘ “ Sie holt kurz Luft. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass sie selbst ja auch nicht unbedingt in die Gazellen-Kategorie fällt.

„Aber nein, alle haben nur den Kopf geschüttelt und böse Blicke in ihre Richtung geworfen. Und ich habe dann zu meinem Mann gesagt, sie solle doch einfach mal die Luft anhalten und mein Mann sagte, ich solle mich nicht so aufregen und ob ich meine Blutdrucktabletten an dem Tag genommen hätte. Aber ich hatte meine Tabletten ja genommen und trotzdem wird mein Blutdruck abnorm hoch gewesen sein.“

Ich hatte derweil bereits bezahlt, die Bücher eingepackt und mich zum Gehen bewegt.

„Und dann standen wir an einem Bahnhof und da war sie endlich mal still und ich habe dann ganz laut für alle im Wagon gesagt, wie himmlisch doch diese Ruhe sei! Und ein weiterer Fahrgast hat mir da auch aus vollem Herzen zugestimmt und auch ganz laut gesagt, wie herrlich es doch sei, wenn es immer so ruhig wäre. Aber kaum sind wir angefahren, hat sie wieder los geplappert über all diese komischen Teile von Schweinen, die man so essen kann… wen interessiert das? Ich wollte sie fragen, wen interessiert denn das, was man alles vom Schwein so essen kann? Uns hier im Wagon jedenfalls nicht!“

Ich nicke artig, trete von einem Bein auf’s andere, glotze die Wände hoch und runter, an Bücherrücken und Covern entlang, drehe mich hin und her und rutsche rückwärts näher zur Tür.

„Und dann saß diese Dame ausgerechnet auf der Rückfahrt wieder im gleichen Zug. Können Sie sich solch einen Zufall vorstellen? Aber da sind wir dann gleich in einen anderen Wagon. Nochmal hätten wir das nicht ausgehalten!“

Ich kann es nicht fassen, dass die Person vor mir sich genau über das beschwert, was sie der ihren Umwelt antut – in diesem Falle MICH! ohne Punkt und Komma voll zu schwallen! Warum regt sich der Mensch über genau das, was er/sie/es selbst so penetrant an den Tag zu legen scheint? Und merkt es nicht mal?

Eine Bekannte mokierte sich jetzt über die Rechthaberei einer Freundin, dabei bin ich immer wieder überrascht, wie laut sie werden kann, wagt es jemand mal, ihre durchaus durchdachten Thesen in Frage zu stellen. Ein herrisches Gebell beendet die Diskussion, „das ist nun so – Punkt!“

Eine andere Freundin sagte nun, die Grünen ‚gehen gar nicht‘ und seien nicht wählbar, ein ‚Fähnchen im Wind‘. Obwohl, die neue Führung sei ja auf jeden Fall schon besser als die Alte. Und eigentlich stünden sie ja dann doch am konsequentesten von allen etablierten Parteien für den Klimaschutz, „das ist aber auch das einzig Beständige an der Partei.“

Empörung (interessanterweise nach Harald Schmidt als „negativer Narzissmus“ bezeichnet) erscheint manchmal wie ein einseitiger Spiegel in einem Verhörraum – man kann von außen das Geschehen sehen bzw. hören, der/die im Raum nur sich selbst. Es wäre also manchmal ganz hilfreich, würden wir eintreten und uns selbst mal wieder betrachten.

Ich zB rege mich gerne und häufig über Leute auf, die übereinander reden, statt miteinander…