{"id":1042,"date":"2020-08-19T09:45:00","date_gmt":"2020-08-19T07:45:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=1042"},"modified":"2021-04-22T09:38:08","modified_gmt":"2021-04-22T07:38:08","slug":"helga","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=1042","title":{"rendered":"Helga"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt Menschen, vor denen m\u00f6chte man sich verneigen und auf den Boden werfen. Und sehr wahrscheinlich sind es um einen herum sehr viel mehr, als einem lieb sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Letzten Samstag traf ich Helga. Ich sa\u00df mit meinem Nachbarn auf einem kleinem Platz, wo an ein paar wenigen Marktst\u00e4nden Obst, Gem\u00fcse und herrlich fettige Samosas angeboten werden. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie kurvte in ihrem elektrischen Rollstuhl zwischen den St\u00e4nden hin und her, gr\u00fc\u00dfte alle Anwesenden freundlich, quatschte hier und da. Sie fiel mir auf, weil sie bei guten 30\u00b0 komplett vermummt war: ein lilafarbenes dickes Halstuch verdeckte Mund und Nase, eine grellgr\u00fcne Sonnenbrille die Augen und ihre H\u00e4nde steckten in Einmalhandschuhen &#8211; die sich wellten, als w\u00fcrden in ihnen das Kondenswasser nur so schwappen. Dazu  trug sie noch einen dicken Jogginganzug, der kaum Luft durchlassen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie wieder ein Mal winkend an uns vorbei flitzte, fragte ich sie, wie sie es bei der Hitze in ihrem Outfit aushalten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Du, ich gebe Dir mal einen Tipp &#8211; &#8220; und hob den Zeigefinger, wie sie ist noch oft im Laufe unseres Gespr\u00e4ches tun w\u00fcrde. &#8222;Im Sommer immer warm trinken und im Winter nur kalte Cola. Dann kommste durch alles durch.&#8220; Sie lachte ein freches Lachen. Ich verstummte konsterniert, sie schien es wirklich ernst zu meinen. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Und dann bin ich halt mit meiner Lungen- und Herzerkrankung Hochrisikopatientin, wei\u00dfte. Ich kann echt sterben, wenn ich was krieg&#8216;. Selbst hier drau\u00dfen, daher auch die Sonnenbrille wegen der Augenschleimh\u00e4ute. Und schau mal, ich kann auch noch die Kapuze \u00fcberziehen.&#8220; Sprach und tat es. Sie verschr\u00e4nkte die Arme aufs\u00e4ssig vor der Brust und sah tats\u00e4chlich aus wie so ein grauer HipHop-Wichtel.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sie uns all die Menschen hinter ihren St\u00e4nden vorstellte und uns ihr halbes Leben im Kiez erz\u00e4hlte, lief hinter uns eine jener Gestalten vorbei, die einem gar nicht mehr in ihrer Auff\u00e4lligkeit ins Auge springen. Tats\u00e4chlich war er ganz besonders heraus geputzt. Er trug viel silbernen Schmuck, Leder und einen langen Fuchsschwanz hinten am Hosenbund, der bis auf H\u00f6he seiner Kniekehlen baumelte. Sie hielt in dem unseren Gespr\u00e4ch inne und schrie ihm hinterher: &#8222;Oh Mann, siehst Du toll aus! Darf ich Deinen Schwanz mal streicheln?&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Ich erstarrte und nach einer Schocksekunde hatte ich Sorge vor Lachen vom Stuhl zu fallen. Auch der so angequatschte Minotaurus lachte herzlich, winkte und stolzierte weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir verglichen wer von uns am l\u00e4ngsten im Kiez wohnen w\u00fcrde. &#8222;Aber eigentlich komme ich aus Frankfurt in Hessen. Da bin ich geboren, aber da war ich nur ein halbes Jahr. Meine Eltern konnten mich nicht gebrauchen und haben mich dann weg gegeben.&#8220; Sie macht eine wegwerfende Bewegung mit den faltig behandschuhten H\u00e4nden. &#8222;Ich war schon \u00fcberall in Westdeutschland &#8211; von ganz oben im Norden bis runter in den S\u00fcden.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wie ging denn das? Seid Ihr so oft umgezogen?&#8220;<br>&#8222;Nee, ich bin alle Kinderheime durch. Ich war ein krankes Kind, das war allen zu anstrengend. Nach einem halben Jahr hat man mich dann meistens versetzt. War nicht sch\u00f6n, aber so war das halt damals so. Das hat man so mit Kindern wie mir gemacht. Hab&#8216; im Nachhinein aber auch Entsch\u00e4digungszahlungen wegen Kindesmisshandlung bekommen.&#8220; Sie zuckt mit den Schultern. Sie wirkt kein bisschen vorwurfsvoll oder nachtragend.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gruppe von drei jungen M\u00e4nnern mit langen dunklen Haaren geht an uns vorbei. Helga bekommt gro\u00dfe Augen: &#8222;Oh, seht Ihr sch\u00f6n aus! Flirtet Ihr ein bisschen mit mir?&#8220; H\u00f6flich (und durchaus ein bisschen verst\u00f6rt) l\u00e4chelnd gehen diese weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich war ja mal ganz doll verliebt. Da war ich 17. Der war auch aus&#8217;m Heim. Der war ein Guter. Hat mich nicht benutzt. Und den habe ich dann gefragt, ob er mich heiratet. Und da hat er ganz ehrlich gesagt: &#8218;Helga, du wei\u00dft doch, ich werde immer wieder im Knast landen. Das will ich Dir nicht antun.&#8216; Ich sach&#8216; Euch, so einen findet man nicht wieder.&#8220; Sie nickt ein bisschen heftiger. <\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Was ist aus ihm geworden?&#8220; Frage ich. <br>&#8222;Ich wei\u00df es nicht.&#8220; Antwortet sie nachdenklich. &#8222;Nicht mal, ob er noch lebt. Kann man jemanden finden, wenn er im Gef\u00e4ngnis sein sollte?&#8220;<br>&#8222;Das wei\u00df ich leider nicht, so eine Anfrage habe ich auf Google noch nie gestellt. Wir k\u00f6nnten es probieren.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Sie winkt ab. &#8222;Tja, war alles nicht so leicht in meinem Leben. Aber insgesamt kann ich nur sagen, es ist doch alles immer gut gegangen. Habe immer wieder Gl\u00fcck gehabt.&#8220; Sie lacht hell auf.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;So, ich muss gleich heim, meine Tabletten p\u00fcnktlich um 15h einnehmen. Was macht Ihr beiden H\u00fcbschen heute noch so?&#8220;<br>Ich zucke mit den Schultern. &#8222;Ich wollte gerne irgendwo noch ein bisschen Zeitung lesen gehen. Ich wei\u00df nur gerade nicht, wo&#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie z\u00fcckt ihr kleines Handy und tippt eine Nummer ein. &#8222;Hey,&#8220; sagt sie zu einer Stimme an ihrem Ohr. &#8222;Habt Ihr Zeitungen da? Okay, ich schicke Dir gleich mal zwei Freunde von mir vorbei. Die wollen nen anst\u00e4ndigen Kaffee und was zu lesen. Bis bald, meine Liebe!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Sie erkl\u00e4rt uns ausf\u00fchrlich den Weg zu jenem Caf\u00e9 (es ist die Stra\u00dfe runter), in dem eine Freundin von ihr arbeitet, w\u00fcnscht uns einen sch\u00f6nen Nachmittag und zischt in ihrem Rollstuhl davon.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Es gibt Menschen, vor denen m\u00f6chte man sich verneigen und auf den Boden werfen. 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