{"id":124,"date":"2017-05-14T09:29:38","date_gmt":"2017-05-14T07:29:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=124"},"modified":"2021-04-22T09:49:10","modified_gmt":"2021-04-22T07:49:10","slug":"fleisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=124","title":{"rendered":"Fleisch"},"content":{"rendered":"<p>Ich war in Athen &#8211; einfach so und um einen kleinen Eindruck von der diesj\u00e4hrigen\u00a0Documenta zu bekommen. Wie auch schon in einigen Kommentaren vorher beschrieben, sollte man nicht zu viel von der Kunst erwarten und die teils wundervoll verwunschenen Ausstellungsorte quer verteilt als Aufforderung sehen, diese wundersame Stadt zu erlaufen.<br \/>\nDas tue ich\u00a0und meine Begeisterung steigert sich\u00a0von Ecke zu H\u00e4userblock, Stra\u00dfenzug zu aufkreuzenden Pl\u00e4tzen in eine anstrengende Aufgekratztheit.<\/p>\n<p>Man kann diese Stadt bei moderaten Temperaturen nur lieben! Bei 35\u00b0 und h\u00f6her w\u00e4re das nat\u00fcrlich was anderes. Aber so Anfang Mai ist alles f\u00fcr meinen zwei-Tages-Ausflug perfekt!<br \/>\nSo laufe ich von Monastiraki die Stra\u00dfe Richtung Norden hoch zum Arch\u00e4ologischen Nationalmuseum. Allein der Weg dahin \u00fcber vollgestellte B\u00fcrgersteige mit all m\u00f6glichem Klimbim l\u00e4sst in mir Hochgef\u00fchle aufwallen: \u00fcberall wird das Auge hingerufen, hinein saugen sich ihre Details und Kleinigkeiten, die zu einem wuseligen Wimmelbild zusammen laufen.<\/p>\n<p>Vorbei an kleinen L\u00e4den mit Haushaltswaren, die mich von ihrem auf die Funktion reduzierten Stil stark an das s\u00fcndhaft teure Manufactum erinnern &#8211; hier bestimmt von den Preisen eher lebensnah.<br \/>\nCaf\u00e9s und feine Bistros ohne Ende, Miniaturkirchen, aus denen Weihrauch und orthodoxe Chor\u00e4le dringen und deren prunkvolle Goldausstattung einem beim kurzen Blick hinein immer wieder den Mund vor Staunen offen stehen l\u00e4sst. Dahinter konstanter Autol\u00e4rm und Motorollergehupe, griechisch, griechisch, englisch, griechisch und irgendwas vom Kontinent dazwischen.<\/p>\n<p>Und wenn man sich umdreht, am Horizont dieser sympathische Ger\u00f6llhaufen &#8211; stolz und doch irgendwie auch hin drapiert:\u00a0die Akropolis.<br \/>\nIch wei\u00df, ich wei\u00df, wie kann man nur angesichts der Wiege der Zivilisation, Sokrates und Platon, ganz zu schweigen von den griechischen Gottheiten&#8230; Verzeiht mir all Ihr lieben griechischen Weisen und auch ihr G\u00f6tter &#8211; man hat einen fantastischen Blick von Euch da oben und ich besteige ein jedes Mal bei meinem Besuch diesen Berg &#8211; aber wie meine derzeit in Athen wohnende Freundin sp\u00e4ter sagen wird: es sind einfach auch mal nur Steine. Nicht besser und nicht schlechter als jeder andere historische Konstruktion. Klar und wunderbar angestrahlt in der Nacht!<\/p>\n<p>Eine Markthalle er\u00f6ffnet sich auf dem Weg zur Rechten. Gestalten mit langen Messern und Beilen in\u00a0wei\u00dfen Kitteln werkeln zwischen roten, h\u00e4ngenden Kadavern. Rufe hallen durch kahle G\u00e4nge, ein s\u00fc\u00dflich-kalter Hauch weht mir entgegen, welcher mich unwillk\u00fcrlich zur\u00fcck auf den Gesteig in die ansteigende Hitze des Vormittags treten l\u00e4sst. Schnell ziehe ich weiter und doch steht da weiterhin dieses\u00a0Bild: wartende M\u00e4nner, alle deutlich schlank, unruhig, hungrig auf und ab laufend zwischen herumh\u00e4ngendem und liegendem Fleisch.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter erz\u00e4hle ich jener Freundin von der Markthalle und wir beschlie\u00dfen noch mal vorbei zu gehen. Wir stehen an einem ihrer Eing\u00e4nge und schauen auf das wei\u00df-rote Treiben. &#8222;Komm,&#8220; sagt sie. &#8222;Lass uns da mal rein.&#8220;<br \/>\nSie ist eine dieser Personen, die gerne was erleben. Ich hingegen finde Ereignisse auch aus der Ferne spannend. Aber ich bin in mancher Hinsicht ein\u00a0willensschwaches Wesen und sage, wie sollte es auch anders sein: &#8222;Naaa guut&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Beim Eintreten in das Innere blicken uns die wei\u00df gekleideten M\u00e4nner entgegen. Es ist ein bisschen so, als w\u00fcrde man offenen Auges und mit erwartungsvoll ausgebreiteten Armen auf eine wohlfeil angebotene N\u00f6tigung zugehen. Meine Freundin in einer gewissen Vorfreude und ich mit dem Wissen, dass ich es hinterher wie immer schon vorher gewusst haben werde.<\/p>\n<p>Sie kommen auf uns zu, langsam und selbstsicher &#8211; teilweise mit einladenden Gesten, mit Worten, die im Hall der lauter werdenden Schl\u00e4ge und Hiebe auf Tischen liegendem Fleisch untergehen. Die Stra\u00dfe und ihr stetiger Fluss aus stabiler Gesch\u00e4ftigkeit hinter uns entfernt sich immer mehr und wir werden eingeh\u00fcllt, eingeschlossen an diesen Ort aus versickerndem Blut, wo still gewordene K\u00f6rper, K\u00f6pfe, Schenkel, Lenden, Beine und F\u00fc\u00dfe ohne ihre Haut daliegen.<br \/>\nSo etwas wie ihr Leben bleibt bei den Verwaltern zur\u00fcck und es scheint doch nicht zu reichen. Schreiend n\u00e4hern sie sich, so als ob wir, die Eindringlinge f\u00fcr den Hauch eines Moments etwas daran \u00e4ndern k\u00f6nnten und ihr Gebahren ein kurzes Ausbrechen aus diesem nicht enden wollenden Kreislauf aus Werden und Vergehen.\u00a0Sie taxieren uns von oben bis unten, wir, die noch nicht auf den ausgewaschenen B\u00e4nken liegen f\u00fcr dieses Etwas, was sich um unsere Knochen h\u00fcllt. Sie sprechen auf unsere Gesichter, Kleider und H\u00e4ute ein, immer n\u00e4her kommen sie in ihren wei\u00dfen Kitteln, das Messer l\u00e4ssig in der Hand.<\/p>\n<p>Ein Beil kracht auf eine Tischplatte, zersplitterte Knochen, getrennte Gliedma\u00dfen in meinen Augenwinkeln.<br \/>\nDie Freundin sieht die einsetzende Versteinerung und nimmt meine Hand. Wir drehen uns um. Der Weg zur\u00fcck ist genauso lang wie der Weg nach vorne, aber eine Flucht w\u00fcrde unsere touristische Ziellosigkeit, diese naive Freiheitlichkeit noch mehr offenbaren.<br \/>\nWir eilen weiter vor um eine Ecke. Ein St\u00f6hnen von der Seite, meine Freundin scheint \u00e4hnlich entt\u00e4uscht, dass die Fleischstra\u00dfe hier noch weiter geht, sich kein Gem\u00fcse oder Obst erl\u00f6send vor uns zeigen will.<\/p>\n<p>Der Gang wird enger, die wei\u00dfen Kittel scheinen sich hier versammelt zu haben. Sie treten auf uns zu, Geraune, Gemurmel, fast z\u00e4rtlich n\u00e4hern sie sich, w\u00e4hrend wir, aneinander gekrallt, schneller vorw\u00e4rts dr\u00e4ngen.<br \/>\nHammelsch\u00e4del ohne Augen betrachten unser Gehetztsein aus der Ferne, ich ducke mich, etwas verschlie\u00dft von innen die Ohren, so dass das Pfeifen und Gejohle der Schl\u00e4chter leiser wird.<\/p>\n<p>Die Stra\u00dfe vor uns kommt n\u00e4her, hell, endlich Abgase und Stra\u00dfenl\u00e4rm, w\u00e4rmen uns.\u00a0Wir stehen wie aus dem Inneren eines K\u00f6rpers unverdaut ausgespuckt zwischen Trockenobst und Gew\u00fcrzen auf dem Gehweg in der Mittagshitze.<br \/>\nMeine Freundin blickt zur\u00fcck. Dann ein irritiertes Lachen. &#8222;Das war ja was&#8230;&#8220; Sagt sie nachdenklich und dann: &#8222;Was meinst Du, sollen wir noch mal&#8230; ?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Ich war in Athen &#8211; einfach so und um einen kleinen Eindruck von der diesj\u00e4hrigen\u00a0Documenta zu bekommen. 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