{"id":1265,"date":"2022-08-11T20:07:00","date_gmt":"2022-08-11T18:07:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=1265"},"modified":"2023-07-22T19:33:45","modified_gmt":"2023-07-22T17:33:45","slug":"throwback-zum-ausgeliefert-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=1265","title":{"rendered":"throwback zum ausgeliefert  sein&#8230;"},"content":{"rendered":"\n<p>&#8230; es gibt viele Formen des ausgeliefert seins. Ich m\u00f6chte hier nicht die Zust\u00e4nde von gewaltsamen oder unterdr\u00fcckenden Missverh\u00e4ltnissen in den Fokus r\u00fccken, sondern jene \u00fcberw\u00e4ltigenden Momente, die auf der Reinheit von zutiefst ehrlich und offen ge\u00e4u\u00dferten Bed\u00fcrfnissen fu\u00dfen und die uns durch ihren Seltenheitswert, aber auch durch ihre nahezu kindliche Nat\u00fcrlichkeit aus den g\u00e4ngigen Kommunikationsmustern hauen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor sehr vielen Jahren (als es noch keine offizielle Flugscham gab) sa\u00df ich in San Francisco an einem Abend in einem asiatischen Selbstbedienungsrestaurant. Ich war ein paar Abende zuvor bereits dort gewesen. Es war relativ g\u00fcnstig, v\u00f6llig ausreichend vom Angebot und ich hatte dort das Gef\u00fchl angemessen allein sein zu k\u00f6nnen. An den meisten Tischen sa\u00dfen die G\u00e4ste zu zweit oder in Gruppen. Ein relativ junger Mann trat ein, quadratisch, etwas grob in seiner Statur, aber weich in den Z\u00fcgen. Eine dick umrandete Brille f\u00fcllte ein rundes Gesicht mit einem gl\u00e4nzend aufgeworfenen Mund. Er sah sich leicht hektisch in dem ungem\u00fctlich ausgeleuchteten Raum um, fixierte dann mich und den leeren Stuhl mir gegen\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Blick ging zur Seite, leise aufst\u00f6hnend &#8211; bitte nicht. Doch irgendwas schien er an mir erkannt zu haben. Schnurstracks  steuerte er auf den freien Platz zu und mit einer leicht aufgekratzt wirkenden Stimme, die dennoch beh\u00e4big war, fragte er, ob er sich zu mir setzen d\u00fcrfe. Gef\u00fchlt alle G\u00e4ste des Lokals drehten sich zu mir um und warteten auf meine Reaktion.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sure&#8230;&#8220; hauchte ich in den Abstand zwischen zerkratzter Tischplatte und meinem Brustkorb. Von der Energie her war es jedoch eher ein: &#8222;Please don&#8217;t &#8230;&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er war ja nicht unsympathisch. Aber ich wollte einfach keine derartig auffallende Gesellschaft. Doch wie sagt man das auf einer unfreiwillig gelandeten B\u00fchne, in der  diese US-gesellschaftlich aufrecht gehaltene Illusion &#8222;<em>Wir befinden uns alle in einem \u00fcberdimensionalen Wohnzimmer und ich setze mich zu Dir auf&#8217;s Sofa, denn wir sind jetzt f\u00fcr diesen Moment schon immer beste Freunde gewesen<\/em>&#8220; gespielt wird? Richtig &#8211; man l\u00e4chelt, nickt und dann dreht man sich wieder um und geht seiner Wege. Ist nur schwierig, wenn man gerade einen vollen Teller vor sich hat und ein ziemlich interessiertes Publikum um sich herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren diese g\u00e4ngigen Fragen, mit denen er mich zu bombardieren begann. Wo ich herkam, was ich in SF so machte, was ich da gerade a\u00df, was ich ihm empfehlen k\u00f6nnte, Blabla. Das Schlimme daran: er redete in einer Lautst\u00e4rke, die meine Reaktionen, vielmehr mein v\u00f6llig \u00fcberfordertes, schamhaftes und auswegloses weg-Ducken in glei\u00dfendes Scheinwerferlicht stellten. Jedes Mal, wenn er mit von H\u00fchnchenfett triefenden Lippen eine weitere Information von mir wollte, drehten sich K\u00f6pfe zu unserem Tisch und warteten auf Rede und Antwort. So wusste schlie\u00dflich der gesamte Raum, dass ich eine Touristin aus Deutschland war, meine Mutter Koreanerin ist, ich kein Fleisch esse und an dem Tag das Museum for Contemporary Art besucht hatte. Alles v\u00f6llig banal, doch hier bekam das Gesagte eine gequ\u00e4lte Note, denn ich f\u00fchlte mich seiner offensiv einnehmenden und entwaffnend unschuldigen Art v\u00f6llig ausgeliefert. Und das sah mir mein voyeuristisches Publikum deutlich an. Ob sie Mitleid mit mir hatten? Ich glaube nicht, es war alles so typisch US-amerikanisch um mich herum &#8211; will sagen, ich war in jenem begrenzten Zeitfenster das willkommene, jedoch v\u00f6llig zuf\u00e4llige Objekt allgemeiner Unterhaltung.<\/p>\n\n\n\n<p>Den finalen H\u00f6hepunkt bildete seine durch den Raum schallende Frage, ob ich verheiratet sei und ob wir uns am n\u00e4chsten Tag wiedersehen k\u00f6nnten. Noch ein Mal drehte sich mein gnadenloses Publikum zu mir um, meine gestammelte Abwehr, diese Gef\u00fchle von Peinlichkeit beschauend. Ich windete mich heraus, indem ich behauptete am n\u00e4chsten Tag die Stadt zu verlassen. Was halbwegs stimmte, aber nicht genau auf das Datum zutraf. Sein ersch\u00fctternd offen vorgetragenes Bedauern im Raum und ein kaum merklich nickendes Publikum &#8211; sie hatten es erwartet. Ich machte die restlichen Tage meines Aufenthaltes einen gro\u00dfen Bogen um das Lokal.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute w\u00fcrde ich an dem Tisch sitzen, den Kopf in die Hand st\u00fctzen und diesem wunderbar unverstellten Menschen f\u00fcr seine Gesellschaft an jenem Abend danken &#8211; ganz laut, also so richtig laut, so dass es alle in jenem lieblosen Schnellrestaurant h\u00f6ren. Daf\u00fcr, dass er uns alle dort mit jeder Faser seines Seins daran erinnert hat, wie genuin nat\u00fcrlich Bed\u00fcrfnisse nach Kontakt sein k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">&#8230; es gibt viele Formen des ausgeliefert seins. 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