{"id":1392,"date":"2022-05-27T19:11:00","date_gmt":"2022-05-27T17:11:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=1392"},"modified":"2022-08-14T19:33:51","modified_gmt":"2022-08-14T17:33:51","slug":"eins-zu-eins-macht-manchmal-keins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=1392","title":{"rendered":"eins zu eins macht manchmal keins"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt seit Corona diese Konzertformate, wo ein\/e MusikerIn f\u00fcr ein\/e RezipientIn spielt. Eine gute Bekannte organisiert das hier in Berlin mit und fragte mich, ob ich am folgenden Tag so einem Konzert beiwohnen wollte &#8211; es w\u00e4re noch ein Slot \u00fcbrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war die Woche zuvor ziemlich angeschlagen gewesen und war sehr geneigt zu verneinen, andererseits hatte ich es schon die zwei Jahre an Corona-Ewigkeit vorgehabt, mir das anzuschauen. Alle schw\u00e4rmten ja nur davon &#8211; selbst in der New York Times soll dar\u00fcber berichtet worden sein, wie besonders und intim die Atmosph\u00e4re zwischen K\u00fcnstlerIn und RezipientIn in Zeiten eingeschr\u00e4nkter N\u00e4he sich ausgestaltete.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich also hin und wartete vor der T\u00fcr zum Konzertsaal, in dem f\u00fcr mich gespielt werden sollte: zehn Minuten ein St\u00fcck nur f\u00fcr mich allein. Eine Frau kam aus dem Termin vor mir heraus. Sie wurde kurz gefragt, wie es ihr gefallen habe und sie antwortete im eben gleichen Tenor, was ich zuvor von allen Seiten geh\u00f6rt hatte: dass es nahezu magisch sei, diese Erfahrung von N\u00e4he, auch zu sich selbst, die durch die Musik zwischen K\u00fcnstlerIn und Zuh\u00f6rerIn entstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun bin ich also rein. Tja&#8230; als ich den Musiker auf der B\u00fchne sah, wollte ich mich eigentlich umdrehen und gehen. Ich wei\u00df nicht warum, doch irgendwas mochte ich nicht an ihm und hatte keine Lust auf diesen vermeintlich besonderen Kontakt. Aber wer A sagt, der sagt bekanntlich oft auch B. Es ging ja nur um zehn Minuten. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich sa\u00df also diesem mir unangenehmen Typen gegen\u00fcber. Dann hatte er das unangenehmste Instrument auf seinem Scho\u00df liegen, das es f\u00fcr mich gibt. So ein seltsames metallisches Zupfding. Ich finde, damit kann man keine Musik machen, also keine, die ich als Musik zu interpretieren in der Lage bin. Das Ding mit seinem komplizierten Namen ist mir zu kompliziert, die erzeugten T\u00f6ne sind zu kompliziert, ganz zu schweigen von den sogenannten Melodien. Na gut: zehn Minuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abstand zwischen dem Musiker und mir war mir zu gering. Ich hatte das dr\u00e4ngende Bed\u00fcrfnis abzur\u00fccken. Ein hell strahlender Scheinwerfer war auf mich gerichtet und lie\u00df den Zuschauerraum in verf\u00fchrerisches Dunkel abtauchen. Ich h\u00e4tte viel lieber dort irgendwo gesessen. Aber nicht auf der B\u00fchne mit und direkt vor ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Musiker sah mich an. Aber so  komisch von unten her, so wie ein \u00e4ngstlicher Hund. Dabei hatte er so eine Prise Absch\u00e4tzung in den Mundwinkeln, die nerv\u00f6s zuckten. Ich l\u00e4chelte hilflos, war aber so abgegessen von seinem unterw\u00fcrfigem Gestus, dass ich meinen Blick zur Seite in die Schemen des Konzertsaals schweifen lie\u00df. Er sah meine demonstrative Abwehr, dass ich nicht dabei war und es auch nicht sein wollte. Vielleicht fragte er sich, warum ich \u00fcberhaupt da war. Ich h\u00e4tte am liebsten gesagt, dass ich von einer Bekannten dazu gedr\u00e4ngt worden sei.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann fing er an. Puh. Also viel zu laut, ich wusste \u00fcberhaupt nicht, wohin mit mir. Und dann nat\u00fcrlich diese Flut an Disharmonien, die das restliche Erk\u00e4ltungswasser in meinen Nebenh\u00f6hlen schmerzhaft zum Schwappen brachten. Es war schwer ertr\u00e4glich. <\/p>\n\n\n\n<p>Zehn Minuten. Ich schwitzte. Ich schlug ein Bein \u00fcber&#8217;s andere auf diesem viel zu hohen Stuhl f\u00fcr meine kurzen Beine. Ich schaute mich im Raum um, dieser war sch\u00f6n.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab eine Passage in dem St\u00fcck, die war nett &#8211; ruhiger und sanfter. Hatte er sich das St\u00fcck selbst ausgedacht? Schon auch beachtlich in der Konsequenz.<br>Dann war es vorbei. Schneller als gedacht. Er nickte nur, wies mit einer Hand den Ausgang. Ich nickte ebenfalls. Man sollte danach nicht reden, um die besondere Stimmung nicht zu st\u00f6ren. Herrje. <\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen empfingen mich die Organisatoren. Sie erwarteten diese schon gewohnten Lobeshymnen. Ich schob es h\u00f6flich auf meine Erk\u00e4ltung. Der Musiker hatte sich bestimmt M\u00fche gegeben, soweit ich das beurteilen konnte. Ich sagte ihnen dennoch, dass ich all das bislang dazu Geh\u00f6rte leider f\u00fcr mich nicht best\u00e4tigen konnte. Ich brauchte dann keinen Zettel ausf\u00fcllen, mit dem ich mich mit meinem Feedback in all die anderen ph\u00e4nomenalen Feedbacks h\u00e4tte einreihen sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotzdem ging die Dame noch mal rein, um f\u00fcr mich nach dem Titel des St\u00fcckes zu fragen, den der Musiker f\u00fcr mich gespielt hatte. Mein Einspruch, dass es das nicht br\u00e4uchte, war zu schwach. Ich hielt dann das St\u00fcck Papier in den H\u00e4nden und las die mit schwarzen Druckbuchstaben leicht windigen Worte, die mich tats\u00e4chlich \u00fcberraschten: <em>From Okzident to Orient<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tte ich das vorher gewusst, h\u00e4tte ich vielleicht besser hingeh\u00f6rt. Beim Anblick des Musikinstrumentes in den H\u00e4nden des K\u00fcnstlers h\u00e4tte es der Zettel allein aber auch getan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Es gibt seit Corona diese Konzertformate, wo ein\/e MusikerIn f\u00fcr ein\/e RezipientIn spielt. 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