{"id":1485,"date":"2022-10-29T16:47:00","date_gmt":"2022-10-29T14:47:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=1485"},"modified":"2023-08-15T08:59:39","modified_gmt":"2023-08-15T06:59:39","slug":"soldier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=1485","title":{"rendered":"Soldier"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Zug neben einem Bundeswehrsoldaten. Er schaut auf seinem quer auf dem Tisch aufgebauten Handy irgendeinen Blockbuster. Da wir aus einem anderen Wagon wegen nicht funktionierender Klimaanlage verbannt worden sind, muss ich mit den Kids woanders Zuflucht suchen. Neben ihm war der Zweier noch frei, auf dem sich die Jungs breit machten, ich setzte mich in der gleichen Reihe neben ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich kamen wir dar\u00fcber ins Gespr\u00e4ch, was an diesem Tag bei der Bahn alles schief lief. Tats\u00e4chlich hatten wir zuvor vor Frankfurt Main eine Stunde in der Pampa rumgestanden, weil ein Regio vor uns liegen geblieben war und erstmal abgeschleppt werden musste. In dem Rahmen fragte ich wohl &#8211; es war ein Freitag Mittag &#8211; von wo er k\u00e4me und wohin er \u00fcber&#8217;s Wochenende hinfahren w\u00fcrde, war doch offensichtlich, dass er zu jenen pilgernden Soldaten geh\u00f6rte, die \u00fcber&#8217;s Wochenende in ihre Heimat fuhren.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wollte wohl von Stuttgart nach Hamburg, wo seine Kinder lebten. Er war Berufssoldat und f\u00fcr alles Organisatorische und Verwaltungstechnische um das Munitionslager seines Standortes herum zust\u00e4ndig. Nat\u00fcrlich ging es im Gespr\u00e4ch um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine und wie sich dadurch auch der Blick auf die Bundeswehr &#8211; dieses ungeliebte Stiefkind deutscher Geschichte &#8211; ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. <\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht war er Anfang 50, sein K\u00f6rper wirkte stramm unter dem Flecktarn mit der in meinen Augen stets Befremden ausl\u00f6senden schwarz-rot-gelben Flagge am linken Oberarm. Seine Stimme klang auffallend ruhig, fast leise, seine Wortmelodie eher fragend, ins Ungef\u00e4hre gehend. Er erz\u00e4hlte mir von seinen Aufgaben, seinem einer klaren Struktur folgenden Arbeitstag, den vielen Kilometern, die er am Tag in seinen Schn\u00fcrstiefeln selbst im Sommer bei hei\u00dfesten Temperaturen auf dem Gel\u00e4nde zur\u00fccklegte (&#8222;meine Fu\u00dfsohlen wollen Sie nicht sehen&#8230;&#8220;), seinem allt\u00e4glichen Training.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wieviele Liegest\u00fctze k\u00f6nnen Sie?&#8220; Fragte ich ein bisschen aus Spa\u00df. Den schien er nicht als solchen zu verstehen.<br>&#8222;Na, so 90.&#8220; Kam es ernst von der Seite.<br>&#8222;90&#8230;? Warum nicht die 100 vollmachen?&#8220; Ich musste lachen.<br>&#8222;Naja, ich wollte das jetzt nicht so raush\u00e4ngen lassen&#8230;&#8220; Seine Worte verschwanden in einem Gemisch aus ungenauem Genuschel und Lautsprecherdurchsagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er erz\u00e4hlt von seinem Einsatz in Afghanistan. Sie waren die Ersten. Damals 2002. <br>&#8222;Stundenlang warteten wir und durften nicht aus dem Flugzeug aussteigen, weil wir nur Splitter-sichere Westen dabei hatten und keine Kugel-sicheren. Die Engl\u00e4nder kamen dann und haben uns versorgt.&#8220; Er lacht leise auf. Doch seine Augen bleiben ausdruckslos. Er zeigt mir Fotos auf seinem Handy von Afghanistan. Vom Hindukusch. Wundersch\u00f6ne Aufnahmen von oben aus dem Hubschrauber heraus, aber auch viele Bilder von den Menschen &#8211; Kinder, die mit zweifelndem Blick in die Kamera schauen. Diese Augen, die uns mittlerweile so bekannt vorkommen, so sehr, dass man nicht mehr zuordnen kann, welchem der vielen Krisenherde der Region sie entstammen.<br>&#8222;Ich hatte zus\u00e4tzlich zu meiner Ausr\u00fcstung immer die Kamera dabei. Zu den regul\u00e4ren 30 Kilo noch mein Teleobjektiv.&#8220; Es k\u00f6nnte so wirken, als wollte er angeben. Doch wenn er so erz\u00e4hlt, dann wirkt er an allem irgendwie unbeteiligt.<br>Auch daran, wie oft er dem Tod von der Schippe gesprungen ist. &#8222;Ich bin kurzfristig auf eine andere Tour gesetzt worden. Die Truppe, mit der ich h\u00e4tte ausr\u00fccken sollen ist in einen Hinterhalt geraten. Alle tot.&#8220;<br>An einem anderen Tag habe er einen Kameraden nur noch in Einzelteilen aus einem vor ihnen detoniertem Fahrzeug ziehen k\u00f6nnen. &#8222;Den Kopf haben wir nicht mehr gefunden.&#8220;<br>&#8222;Gibt es eigentlich psychologische Hilfe f\u00fcr solche Eins\u00e4tze?&#8220; Es ist eher eine rhetorische Frage. Ich wei\u00df nicht, was ich sagen soll.<br>&#8222;Ja klar. Aber das habe ich nie in Anspruch genommen. Ich komme ganz gut zurecht.&#8220; Seine rechte Hand streicht \u00fcber die Augenbraue.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue zu meinen Jungs r\u00fcber, beide tief in die Screens ihrer Handys eingetaucht. Auch wenn sie gerade Parkour-Spiele spielen oder irgendein anderes Super-Mario-\u00e4hnliches Game &#8211; sie stehen auch auf diese animierten Kriegsspiele. Und ich sitze gerade neben einem, dessen Realit\u00e4t f\u00fcr diese Spiele pervertiert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Der Kosovo ist wie Urlaub. Da ist nicht viel los.&#8220; Er schaut kurz aus dem Fenster. &#8222;N\u00e4chsten Monat geht es nach Litauen.&#8220; <br>&#8222;Warum machen Sie das alles?&#8220;<br>Er schaut mich an, als erstaune ihn diese Frage. &#8222;Na, um die Demokratie zu verteidigen.&#8220; <br>Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er das ernst meint oder doch so was wie einen Sinn f\u00fcr Ironie hat. Seine Stimme bleibt irritierend tonlos. Wenn er mich auf den Arm nehmen m\u00f6chte, l\u00e4sst er sich nichts anmerken. Doch ich glaube, nicht mal er selbst bekommt seine eigenen Hintergedanken mit. Sie scheinen ihn nichts anzugehen. Wenn es sie \u00fcberhaupt geben sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Ich finde, Sie sollten Ihre Bilder in einer Ausstellung der \u00d6ffentlichkeit zeigen.&#8220; Sage ich. Gleichzeitig d\u00e4mmert es mir, dass wir sie ja eigentlich schon kennen. <br>\u00dcber 20 Jahre Afghanistan.<br>Er blickt auf sein Handy mit all den aufgenommenen Momenten.  <br>Er lacht wieder leise. &#8222;Eine Ausstellung&#8230;?&#8220; <br>Ich: &#8222;Auf jeden Fall!&#8220; Ich nicke nachdr\u00fccklich.<br>Er reagiert nicht. Dann sehr leise: &#8222;W\u00fcrden Sie denn kommen?&#8220;<br>&#8222;\u00c4h ja,&#8220; ich r\u00e4uspere mich. &#8222;Nat\u00fcrlich.&#8220; <\/p>\n\n\n\n<p>Er hat es auch mal ohne Bundeswehr versucht. Das hat nicht lange funktioniert. Er ist zur\u00fcck gegangen. Seine Tochter f\u00e4ngt jetzt auch bei der Bundeswehr an. Man kann dort ab 55 in Rente gehen. Er sagt, er wird versuchen l\u00e4nger zu bleiben.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Im Zug neben einem Bundeswehrsoldaten. Er schaut auf seinem quer auf dem Tisch aufgebauten Handy irgendeinen Blockbuster. 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