{"id":564,"date":"2018-09-07T20:34:47","date_gmt":"2018-09-07T18:34:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dagood.life\/?p=564"},"modified":"2021-04-22T09:43:46","modified_gmt":"2021-04-22T07:43:46","slug":"der-sommer-der-tiere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dagood.life\/?p=564","title":{"rendered":"Der Sommer der Tiere"},"content":{"rendered":"<p>Abgesehen davon, dass der Sommer 2018 mit gro\u00dfer D\u00fcrre und den h\u00e4sslichen Ausschreitungen in Chemnitz in die j\u00fcngere Geschichte eingehen wird, war und ist mein Sommer ein Sommer der Tiere geworden.<\/p>\n<p>In unserem Familienurlaub in Schweden hatte uns in einer heftigen Sturmnacht eine freilaufende Katze ein blutiges Junges in die K\u00fcche gelegt. Da es am Abend zuvor noch sehr hei\u00df gewesen war, lie\u00dfen wir die T\u00fcr zum Hof auf &#8211; im Nachhinein nur ein kurzer Moment des Gl\u00fccks f\u00fcr die Katzenmutter und das Baby. In jenem Fall erkannten wir nicht, dass das Junge ein Fr\u00fchchen war und all die hinzugezogenen Meinungen der Nachbarn &#8211; eingesessenen Landbewohnern &#8211; uns davon abrieten irgendwas zum \u00dcberleben des zu fr\u00fch Geborenen beizutragen, es w\u00fcrde nichts bringen.<\/p>\n<p>Nun sind wir St\u00e4dter es nicht gewohnt, die Natur Natur sein zu lassen und so starteten wir ein alle Gruppenzugeh\u00f6rigen forderndes Programm mit F\u00fctterung per Flasche und Kr\u00e4fte zehrenden Nachtschichten, damit das doch ordentlich schreiende Katzenbaby das bekommen k\u00f6nnte, was es vermeintlich zu brauchen schien.<\/p>\n<p>Ein jedes Mal, wenn ich die viel zu gro\u00df erscheinende Flasche diesem kleinen M\u00e4ulchen anzulegen versuchte und die rhythmisch ins Leere greifenden Tatzen des Babies sah, dachte ich, das ist hier nicht stimmig, das kann hier nicht lange gut gehen. Und doch, was w\u00e4re die Alternative gewesen? Die Katzenmama schien v\u00f6llig desinteressiert; sie tigerte zwar des Nachts um das Haus und lag morgens neben der Kiste, in die wir das Junge gelegt hatten, reagierte aber null auf die hungrigen Rufe des Kleinen.<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen gelang es mir, die offensichtlich ausgehungerte und deutlich zu junge Katzenmutter mit Futter anzulocken und in die K\u00fcche einzusperren. Satt gegessen legte sie sich schlie\u00dflich auf einen Stuhl und mit klopfendem Herzen legte ich ihr diesen kleinen K\u00f6rper ihres Babies an. Es trank sofort, die Tatzen griffen selbstverst\u00e4ndlich in den weichen Katzenbauch und fanden, was sie suchten. Ich konnte mein Gl\u00fcck nicht lange fassen, irritiert bemerkte ich sich w\u00f6lbende Bewegungen des ungew\u00f6hnlich dicken Bauches der sehr zarten Katzenmama. Sie musste noch immer schwanger sein! Und so kam es dann ein paar Tage sp\u00e4ter &#8211; ich h\u00f6rte weiteres Katzenbabygeschrei unter der Terrasse und entdeckte erneut eine Katzenmama auf der Terrasse oben dr\u00fcber, die sich nicht darum scherte.<br \/>\nSo, nun greifen wir aber nicht ein! Das beschlossen wir in unserer entnervten Gruppe, noch ein Baby aus dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen rei\u00dfen &#8211; nicht mit uns!<br \/>\nNachts hob ich die Dielen der Terrasse im Dunkeln an, beleuchtet mit der Handy-Taschenlampe. Ich hatte &#8222;Nachtwache&#8220; und hielt das Rufen des Neugeborenen nicht mehr aus. Ich musste ja eh das eine alle zwei Stunden f\u00fcttern, auf ein Weiteres kam es auch nicht mehr drauf an.<\/p>\n<p>Ich hielt dem erstaunlich kr\u00e4ftigen zweiten Baby die halb volle Flasche hin und mit einem ordentlichen Zug entleerte diese das Neue komplett. Ich staunte nicht schlecht. Dem Fr\u00fchchen mussten wir immer wieder den Nuckel in das viel zu kleine M\u00fcndchen stopfen, bis dieses endlich andockte und dann ein paar Tropfen zu sich nahm.<br \/>\nZusammen gerollt schliefen die beiden Jungen ein, das Neue war fast doppelt so dick wie unser Fr\u00fchchen und ich hatte Sorge, dass es von seinem Br\u00fcderchen erdr\u00fcckt werden k\u00f6nnte. Aber sollte die Natur doch kommen und sich ihre Kinder holen, ich war mittlerweile zu m\u00fcde, um mich um Details zu k\u00fcmmern. Und in zwei Stunden w\u00fcrde der Krampf wieder von vorne los gehen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sa\u00df die Katzenmama vor der T\u00fcr. Weniger motiviert ihren m\u00fctterlichen Verpflichtungen nachzukommen, als vielmehr hungrig und apathisch. Ich stellte ihr das mittlerweile eifrig gekaufte Katzenfutter hin, was sie in einem Affentempo hinunter schlang, nicht ohne mich immer wieder argw\u00f6hnisch und \u00e4ngstlich zu beobachten. Kein Blick ging zu der Box mit den mittlerweile zwei jammernden Katzenbabies hin, nur zu mir, ihrer Feindin und zwangsl\u00e4ufigen G\u00f6nnerin.<\/p>\n<p>Sie legte sich tats\u00e4chlich wieder auf den von ihr bereits auserkorenen Stuhl und probeweise legte ich ihr die beiden in Gr\u00f6\u00dfe und Dichte markant unterschiedlichen Katzenbabyk\u00f6rper an. Sie lie\u00df mich und die hungrigen M\u00fcnder gew\u00e4hren, leckte sie sogar immer wieder kraftvoll ab und nagte an ihren Nabelschnurresten. Ich traute mich kaum zu atmen, setzte mich daneben, umarmte die Drei halb, damit nicht eine\/s von ihnen vom Stuhl plumpste.<\/p>\n<p>Wir hoben eine Schublade aus einer Kommode im Haus und legten die Drei hinein. Beide Babies scharrten sich um die Mutterzitzen. Die Mutter lag ruhig auf der Seite in ihrem sicheren Verschlag, wir f\u00fcllten ihr noch Teller und Sch\u00e4lchen mit Tiernahrung, damit sie sich etwas erholen konnte.<\/p>\n<p>Das erste Mal seit Tagen fanden wir uns alle entspannt und erleichtert zum Fr\u00fchst\u00fcck ein, der Lauf der Dinge hatte wieder \u00fcbernommen &#8211; ein sch\u00f6ner Strandtag sollte es werden, ohne Sorgen und Gedanken, wie es mit den Katzenbabies weiter gehen w\u00fcrde, wenn wir wieder nach Berlin abfuhren.<\/p>\n<p>Am Abend kamen wir gut gelaunt von langen Sonnenstunden am herrlichen Sandstrand mit hohem Wellengang wieder. Ich ging zur Schublade, um nach unseren Sch\u00fctzlingen zu sehen. Unser Fr\u00fchchen lag am Rand und bewegte sich nicht mehr. Das Zweitgeborene und die Katzenmama kauerten gleichm\u00fctig beieinander, als w\u00e4re es nie anders gewesen.<\/p>\n<p>Es ist immer noch schwer. Zu akzeptieren, dass wir den Geschehnissen der Natur mit unserem Verstand nicht immer folgen k\u00f6nnen. Unser Fr\u00fchchen war zu schwach. Zu schwach f\u00fcr eine viel zu junge Katzenmama, die das St\u00e4rkere gew\u00e4hren lie\u00df, das Schw\u00e4chere aber nicht unterst\u00fctzen konnte. Das ist nicht der Plan.<\/p>\n<p>Die kleine Plastikflasche aus dem Tiernahrungsfachgesch\u00e4ft mit der aufgekochten Aufzuchtmilch war ein k\u00fcnstliches Aufbegehren gegen diese stillen Gesetze, dem ein Tag am Strand dazwischen kam.<\/p>\n<p>Wir begruben es am Ende des Gartens. Ein bunt bemalter Stein mit seinem Namen drauf. Blumen lagen auf dem kleinen Flecken aufgeworfener Erde. Und Stefan spielte &#8222;Somewhere over the Rainbow&#8220; auf seiner Ukulele. Es war so feierlich wie traurig. Und irgendwann mit dem schiefen Gesang dann auch wieder ein bisschen lustig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p class=\"post-excerpt\">Abgesehen davon, dass der Sommer 2018 mit gro\u00dfer D\u00fcrre und den h\u00e4sslichen Ausschreitungen in Chemnitz in die j\u00fcngere Geschichte eingehen&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3],"tags":[],"class_list":["post-564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-storyboard"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=564"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":794,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions\/794"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dagood.life\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}